Cardano-Gründer Charles Hoskinson hat in einem Livestream vom 4. Juni mit dem Titel „No I’m not leaving“ Spekulationen über einen Rückzug aus dem Ökosystem zurückgewiesen. Zugleich kündigte er an, sich vorerst aus öffentlichen Videos, Interviews sowie von X und anderen sozialen Kanälen zurückzuziehen. Der Schritt folgt auf eine Phase massiver persönlicher Anfeindungen und einer grundsätzlichen Debatte über Richtung, Führung und Roadmap von Cardano.
Hoskinson bleibt Cardano treu und nimmt Auszeit
Hoskinson eröffnete den Livestream mit einer klaren persönlichen Einordnung. „Ich wollte ein kurzes Video machen, um alle daran zu erinnern, dass es mir gut geht. Ich bin nicht suizidal. Ich verlasse das Ökosystem nicht und trete nicht von Cardano zurück“, sagte er. Nach seinen Angaben hatten ihn am Morgen zahlreiche Personen kontaktiert, darunter auch Journalisten von Bloomberg, um nach seinem Status und möglichen Konsequenzen für Cardano zu fragen.
Der Cardano-Gründer machte deutlich, dass sein Rückzug nicht das Projekt selbst betrifft, sondern seine öffentliche Präsenz. „Ich werde mir etwas Zeit von all diesen Dingen nehmen. Ich werde weiter an Midnight arbeiten, aber ich werde keine öffentlichen Videos machen und keine Interviews geben. Ich habe bereits eine Reihe davon abgesagt, und ich werde X und andere soziale Kanäle meiden“, sagte Hoskinson. Diese Pause wolle er nutzen, um „nachzudenken, sich zu erholen, zu lesen und das Leben zu genießen“.
Als Auslöser beschrieb Hoskinson vor allem die aus seiner Sicht toxische Kommunikationskultur auf X. Er verwies auf eine von Christian Taylor geteilte Auswertung von rund 130 Antworten auf seine Beiträge, in der etwa ein Drittel der Reaktionen als feindselig, beleidigend oder persönlich angreifend eingeordnet worden sei. „Ich will einfach nicht in einem Kommunikationsmedium sein, in dem in einem Drittel der Zeit solche Dinge gesagt werden. Das ist für niemanden produktiv. Es belastet die Psyche, und es belastet einen als Menschen“, sagte Hoskinson.
Gründer kritisiert X und fordert neue Roadmap
Hoskinson verband seine persönliche Auszeit mit einer breiteren Kritik an den Prioritäten innerhalb der Cardano-Community. Er sagte, viele Marktteilnehmer erwarteten von ihm offenbar, den ADA-Preis zu treiben, während ihn vor allem technologische und gesellschaftliche Ziele motivierten. „Wenn ihr einen Anführer wollt, der den ADA-Preis wieder auf das Allzeithoch bringt, dann bin ich dafür nicht die richtige Person. Ich bin nie in dieses Spiel eingestiegen, um Kryptowährungen wertvoller zu machen. Ich weiß nicht, wie man dieses Spiel spielt, und selbst wenn ich es wüsste, wären die ethischen Grundlagen dahinter verwerflich“, sagte er.
Zugleich räumte Hoskinson ein, dass Cardano vor einer strategischen Entscheidung stehe. Er sprach von „zwei Cardanos“: einem Projekt, das technisch und protokollseitig deutlich weiter sei als 2021, und einem Marktbild, das von Kursdruck und Enttäuschung geprägt werde. „Wenn man auf den tatsächlichen Fortschritt bei Protokollen, Engineering, Diversifizierung und Dezentralisierung schaut, sind wir massiv weiter als 2021. Wenn man auf die Preisentwicklung schaut, sind wir im Keller. Wir stehen bei 18 Cent, es heißt, das Projekt sei tot und gescheitert“, sagte Hoskinson und beschrieb diese Spannung als schwer auflösbar.
Für die nächste Phase forderte Hoskinson eine neue Roadmap, mehr Verantwortlichkeit in Führungsstrukturen und einen geordneten Wechsel weg von X als zentralem Debattenraum. „Erstens müssen wir X verlassen. Nicht nur ich, sondern die Community. Es ist eine toxische Höllenlandschaft geworden, in der sinnvolle Gespräche oder Engagement praktisch unmöglich sind“, sagte er. Außerdem brauche Cardano „eine neue Roadmap“ und ein gemeinsames Ziel, das über reine Marktperformance hinausgehe. „Als wir Dinge wie Byron, Basho und Shelley vor uns hatten, waren wir gesammelt und vereint. Was ist die nächste Roadmap?“
Hoskinson kritisierte auch die Cardano Foundation deutlich und stellte die Frage der Rechenschaftspflicht in den Mittelpunkt. ADA-Inhaber hätten aus seiner Sicht keinen ausreichenden Einfluss auf Board, Personal oder operative Entscheidungen der Stiftung. „Mein größter Vorwurf gegenüber der Cardano Foundation ist, dass man sie auf keiner Ebene zur Verantwortung ziehen kann. ADA-Halter haben kein Mitspracherecht im Board. Sie haben kein Mitspracherecht dabei, wie Dinge getan werden, was getan wird und welche Mitarbeiter dort sind“, sagte er. Diese Struktur bezeichnete er als „den schlimmsten Fehler“ seiner Karriere.
Trotz der Kritik betonte Hoskinson, dass er weiterhin mögliche Reformvorschläge ausarbeiten wolle. Diese könnten nach seinen Worten sowohl radikale als auch inkrementelle Ansätze enthalten. „Ich kann euch nicht versprechen, dass das ADA wieder auf drei Dollar bringt. Was ich sagen kann: Es gibt dem Projekt zumindest einen Grund zu existieren und einen Grund, sich dafür zu begeistern“, sagte er. Sollte die Community jedoch keine Veränderungen oder Kompromisse akzeptieren, sehe er für sich „keine Rolle und keinen Platz“ in Cardano in der bisherigen Form.
Hoskinson schloss seinen Livestream mit einem Appell an die Community, den Sommer für Selbstprüfung und Richtungsentscheidungen zu nutzen. Er stellte dabei klar, dass er künftig nur noch in moderierten Räumen kommunizieren wolle, in denen respektvolle Debatten möglich seien. „Ich muss mit Respekt und Würde behandelt werden, und ich werde nur noch in Kanälen leben, die das durchsetzen“, sagte er. Einen möglichen neuen Ort für Community-Diskussionen nannte er noch nicht abschließend; Discord sei eine Option.
Hoskinsons Botschaft ist damit doppelt: Er bleibt Cardano verbunden, zieht sich aber aus der öffentlichen Dauerkommunikation zurück und verlangt von der Community eine grundsätzliche Klärung ihrer Ziele. Im Zentrum stehen für ihn nicht kurzfristige Kursziele, sondern Roadmap, Governance, Verantwortlichkeit und ein Kommunikationsumfeld, das produktive Arbeit ermöglicht. Ob daraus konkrete Reformvorschläge entstehen und welche Unterstützung sie im Cardano-Ökosystem finden, bleibt der nächste entscheidende Test.
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