Bitcoin nähert sich nach dem jüngsten Rückgang einer Bewertungszone, die in früheren Zyklen häufig mit späten Bärenmarktphasen verbunden war. Die aktuellen Daten von CryptoQuant zeichnen jedoch kein eindeutiges Bodenbild: Während der Preis nur noch vergleichsweise knapp über dem realisierten Preis liegt, bleibt die Nachfrage schwach, ETF-Flows drehen ins Negative und eine breite Kapitulation der Verkäufer ist bislang nicht sichtbar.
Bitcoin rückt an Wertzone, Nachfrage bleibt schwach
Bitcoin fiel auf ein neues Bärenmarkttief bei 59.000 US-Dollar und notiert damit nur noch rund 9 Prozent über dem realisierten Preis von 53.600 US-Dollar. Der realisierte Preis gilt in der On-Chain-Analyse als zentrale Bewertungsmarke, weil er den durchschnittlichen Einstandspreis der bewegten Coins abbildet. CryptoQuant ordnet diese Zone historisch als Bereich ein, in dem frühere Bärenmärkte nahe oder leicht unterhalb des realisierten Preises ausliefen.
In der Analyse vom 10. Juni 2026 heißt es dazu: „Bitcoin ist auf ein neues Bärenmarkttief von 59.000 US-Dollar gefallen und liegt nun nur noch 9 Prozent über seinem realisierten Preis von 53.600 US-Dollar, einem Bewertungsniveau, das historisch mit Bärenmarktböden früherer Zyklen verbunden war. Frühere Bärenmärkte endeten bei Preisen nahe oder geringfügig unter dem realisierten Preis, was aus reiner Bewertungssicht darauf hindeutet, dass Bitcoin sich einem strukturellen Boden nähern könnte.“ Entscheidend ist dabei die Einschränkung: Der Preisbereich allein bestätigt noch keinen Zyklusboden.
Das liegt vor allem an der Nachfrageseite. Die gesamte Bitcoin-Nachfrage, definiert über spekulative Futures- und sichtbare Spot-Nachfrage, fiel in der vergangenen Woche auf minus 652.000 BTC. Das ist der stärkste Rückgang seit Januar 2022. Auch die langfristige Spot-Nachfrage, gemessen am Wachstum der einjährigen sichtbaren Nachfrage, ist negativ geworden und liegt laut CryptoQuant auf dem schwächsten Stand seit Februar 2024.
Kapitulation fehlt, ETF-Abflüsse belasten Markt
Besonders schwer wiegt die Entwicklung bei US-Spot-ETFs. CryptoQuant beschreibt die ETF-Käufe als so stark rückläufig wie nie seit dem Start der Produkte im Januar 2024. Die 30-Tage-Wachstumsrate der ETF-Nachfrage liegt demnach auf einem bisher nicht erreichten negativen Niveau. In der Analyse heißt es: „Dies signalisiert, dass die institutionelle Nachfrage aus den USA, der wichtigste strukturelle Treiber des aktuellen Zyklus, nicht nur ins Stocken geraten ist, sondern in einem historisch ungewöhnlichen Tempo in Nettoverkäufe umgeschlagen ist.“
Gleichzeitig zeigen die realisierten Verluste noch nicht jenes Ausmaß, das in früheren Marktphasen mit einer finalen Kapitulation verbunden war. Bitcoin-Halter realisierten in den vergangenen 30 Tagen Verluste im Umfang von 187.000 BTC. Zum Vergleich: Im Februar 2026, als Bitcoin in diesem Bärenmarkt erstmals 60.000 US-Dollar erreichte, waren es 400.000 BTC; am Zyklustief im November 2022 nach dem FTX-Zusammenbruch lag der Wert bei 1,2 Millionen BTC. CryptoQuant fasst den Befund in einem X-Post so zusammen: „Bitcoins Korrektur zeigt weiterhin keine Kapitulation. Realisierte Verluste erreichten in den vergangenen 30 Tagen 187.000 BTC, unterhalb der Panik von 400.000 BTC im Februar und des Anstiegs auf 1,2 Millionen BTC nach dem FTX-Kollaps. Historisch entstehen große Böden nach der Erschöpfung der Verkäufer. Die Daten deuten darauf hin, dass wir dort noch nicht sind.“
Zusätzlichen Druck beschreibt CryptoQuant-Autor MorenoDV_ mit Blick auf große Marktteilnehmer. Seit der Preis Anfang Juni zu fallen begann, seien auf Binance mehr BTC-Zuflüsse aus Wallets mit 100 bis 1.000 BTC sowie 1.000 bis 10.000 BTC zu beobachten gewesen. Er schreibt: „Diese Transfers bedeuten nicht automatisch, dass jeder Coin verkauft wurde, doch während eines Volatilitätsschocks stehen sie für einen starken Anstieg des unmittelbar verfügbaren Angebots auf dem tiefsten Handelsplatz des Marktes. Der Druck ist bereits im realisierten Verhalten sichtbar. Kurz- und langfristige Whales haben zusammen mehr als 2,5 Milliarden US-Dollar an Verlusten realisiert, was bestätigt, dass große Halter den Rückgang nicht nur absorbiert, sondern aktiv zu ihm beigetragen haben.“
CryptoQuant-Autor Woominkyu hebt dagegen hervor, dass Whales im Bereich von 60.000 bis 61.000 US-Dollar auch als Käufer aufgetreten seien. Nach seiner Auswertung bewegten am 2. und 3. Juni ältere, zuvor inaktive Wallets große Bestände zu Börsen; der Inflow CDD erreichte 2,16 Millionen, während der Preis von 71.000 US-Dollar abrutschte. Am Tiefpunkt sei die Exchange Whale Ratio auf 61,6 Prozent gestiegen. Woominkyu formuliert es so: „Beim Boden von 60.000 bis 61.000 US-Dollar stieg die Exchange Whale Ratio auf 61,6 Prozent und zeigte, dass Whales die Kaufseite vollständig dominierten und die Panik absorbierten. In den vergangenen fünf Tagen zogen Whales 11.422 BTC, rund 700 Millionen US-Dollar, von Börsen in Cold Storage ab, was einen starken Entzug liquider Bestände auslöste.“
Die beiden On-Chain-Befunde stehen damit in einem Spannungsverhältnis: Große Marktteilnehmer realisieren Verluste und erhöhen zeitweise das Börsenangebot, während andere Whale-Aktivität im Bereich um 60.000 US-Dollar auf Absorption hindeutet. MorenoDV_ beschreibt die Lage als späte Stressphase des Bärenmarktes: „Zusammengenommen beschreiben diese drei Messwerte das Stressprofil eines späten Bärenmarktes: kapitulierende Whales, Distribution in Schwäche und eine fragile kurzfristige Kohorte mit dem Finger am Abzug. Die Volatilität tut genau das, was sie in dieser Phase häufig tut: Sie spült schwache Hände aus dem Markt.“ Für eine bestätigte Trendwende reicht das nach den CryptoQuant-Daten jedoch noch nicht aus.
Bitcoin befindet sich damit nahe einer historisch relevanten Bewertungszone, aber die Marktdaten liefern noch kein klares Signal für einen bestätigten Zyklusboden. Solange die Gesamtnachfrage nicht stabilisiert, ETF-Flows nicht wieder anziehen und realisierte Verluste keine ausgeprägte Kapitulationsspitze erreichen, bleibt der Bereich um den realisierten Preis eher ein Kandidat für einen Bewertungsboden als ein belastbar bestätigter Wendepunkt.
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